Es ist vier Uhr morgens. Während die meisten noch schlafen, läuft auf der schwimmenden Industrieanlage Höegh Gannet im Brunsbütteler Elbehafen ein hochpräziser Prozess rund um die Uhr: Ein LNG-Tanker hat angelegt, 150.000 Kubikmeter Flüssigerdgas wechseln den Besitzer – und in wenigen Tagen fließt diese Energie durch die Heizungen, Herde und Industrieanlagen ganz Deutschlands.
Was ist LNG?
LNG steht für Liquefied Natural Gas – verflüssigtes Erdgas. Damit es transportiert werden kann, wird Erdgas auf –162 °C heruntergekühlt. Bei dieser Temperatur schrumpft das Gasvolumen auf etwa ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens. Das macht LNG aus Förderregionen in aller Welt effizient transportierbar – auf speziellen Tankschiffen, sogenannten LNG-Carriern (LNGCs).
Der Weg vom Tanker ins Netz – in vier Schritten
Anlegen und Übergabe Wenn ein LNG-Tanker an der FSRU der DET festmacht, beginnt ein sorgfältig geplanter Ablauf. Kapitän und Crew beider Schiffe besprechen gemeinsam den Ablauf, prüfen Sicherheitsprotokolle und bereiten behördliche Dokumente vor. Über sechs Spezialschläuche werden die Schiffe verbunden: Vier Schläuche pumpen das LNG vom Tanker zur FSRU. Über zwei weitere fließt sogenanntes Boil-off-Gas zurück – Erdgas, das sich durch minimale Erwärmung in den FSRU-Tanks gebildet hat. Der Tanker nutzt es als Treibstoff für die Rückreise. So geht keine Energie verloren.
Druckerhöhung Das LNG wird aus den Tanks im Schiffsrumpf gepumpt und in die Regasifizierungseinheit an Deck geleitet. Kompressorpumpen – sogenannte Booster Pumps – erhöhen den Druck in den Leitungen auf über 100 bar und bereiten das LNG optimal auf die Erwärmung vor.
Verdampfung im Herzstück der Anlage Das druckbeaufschlagte LNG strömt in den Verdampfer, das eigentliche Herzstück der Regasifizierung. Durch Wärmetausch wird das eiskalte LNG schrittweise erwärmt. Bereits ab etwa –160 °C beginnt es zu sieden und geht in den gasförmigen Zustand über. Aus LNG wird wieder Erdgas – mit einer Temperatur von etwa 0 °C.
Nacherhitzung und Einspeisung Das Gasnetz benötigt eine definierte Temperatur. In Brunsbüttel sind das etwa 7 °C. Im letzten Schritt durchläuft das Erdgas daher einen Nacherhitzer, bevor es über die landseitige Suprastruktur ins deutsche Erdgasnetz eingespeist wird und Haushalte, Industrie und Kraftwerke versorgt.
Eine besondere Energiepartnerschaft: Das Beispiel Covestro
Am Standort Brunsbüttel zeigt sich, wie effizient Regasifizierung sein kann: Das Chemieunternehmen Covestro gibt die Abwärme über Wasser aus seinem Produktionsprozess direkt an die Höegh Gannet weiter. Diese Abwärme wird genutzt, um das LNG zu erwärmen und in Erdgas umzuwandeln. Das fertige Erdgas versorgt anschließend wieder die Anlagen von Covestro.
Was bedeutet das in Zahlen?
Die Höegh Gannet hat seit ihrer Inbetriebnahme in Brunsbüttel mehr als 79 Terawattstunden Energie in Form von Erdgas (Stand 27.08.26) ins Netz eingespeist – genug, um über 5,6 Millionen Vierpersonenhaushalte (100qm im Mehrfamilienhaus) ein Jahr lang mit Energie zum Heizen zu versorgen.